„You blinked.“

Eigentlich beschäftigt sich mein Blog überhaupt nicht mit Filmen und erst recht nicht mit möchtegern Filmkritiken. Ich glaube sowieso, dass ich ein sehr untauglicher Filmkritiker wäre, weil ich immer zu hören bekomme, dass mein Filmgeschmack sehr seltsam ist. Das bestreite ich auch gar nicht, ich mag eigentlich fast nur „seltsame“ Filme. Ich halte nicht viel von Standartfilmen mit ihren Standartabläufen und ihren Standartpersonenkonstellationen, die ihre Standartsätze zum Besten geben. Aber da mein Blog sowieso die meiste Zeit ziemlich chaotisch und verplant ist, zwischen Einträgen von irgendwelche Störungen und irrelavante Beobachtungen sowieso Verhaltensweisen schwankt, dachte ich mir: wieso nicht?

Der Film „Drive“, welcher im Jahre 2011 in den Kinos zu bewundern war, ist meiner Meinung nach so gut, dass es schwer fällt nicht mit überschwänglichen Adjektiven wie „perfekt“, „vollkommen“ oder „genial“ um sich zu werfen.

Dazu muss ich sagen, dass ich den Hauptdarsteller (Ryan Gosling) nie wirklich mochte. Im Gegensatz zu meinen Freunden fand ich „The Notebook“ so romantisch – dramatisch überzogen, dass ich das Bedürfnis hatte mich vor eine Kloschüssel zu knien. Ich möchte den Film nicht schlecht machen, ich sage nur, dass es eben einfach nichts für mich war. Ich habe auch weitere Filme mit Ryan Gosling in den führenden Rollen gesehen und habe ihn als Schauspieler weder abgewertet, noch in den Himmel gehoben. Er war für mich weder attraktiv, noch abstoßend.

Doch mit seiner Darbietung in „Drive“ hat er mich wirklich umgehauen, er hat mich vom Stuhl geworfen und an die Wand geklatscht. So gut war er. Eins der schönen Dinge an diesem Film ist, dass man nicht ohne Punkt und Komma zugetextet wird. Es gibt sehr viele Stellen, an denen sich die Darsteller ohne Wortwechsel anschauen, ja, ganze Sequenzen in denen Gosling kein einziges Wort spricht. Sein Skript war sicher nicht dicker, als ein Schulheft. Doch das macht es meiner Meinung nach noch viel herausfordernder für einen Schauspieler. Die Gestik und Mimik war in diesem Film so wichtig, dass sie sicher 70% ausmacht. 20% gebe ich dem umwerfendem, perfekt abgestimmtem Soundtrack und die letzten 10% an die Kameraführung, die ebenfalls so gut ist, dass ich es schon perfekt nennen möchte.

Dadurch, dass der Film seine Säulen auf den „stummen“ Sequenzen gestützt hat, ist es unmöglich nebenher etwas anderes zu tun. Wenn ich mir (mal nicht im Kino, sondern) am Computer einen Film ansehe, setzt mein Multitasking-gen ein, ich falte Klamotten, räume auf, nähe, male, bearbeite to-do-listen, etc. Doch dieser Film ist so einnehmend, dass man sogar versucht weniger zu Blinzeln, nur um möglichst jedes einzelne Bild in sich aufzunehmen. Denn der Trick liegt im Detail. In manchen Szenen starre ich gebannt auf die Gesichter der Darsteller, nur um zu sehen, wer zuerst den Blickkontakt bricht, wer zuerst lächelt, wer wohin schaut. Ryan Gosling erzählt mit jedem einzelnen Zucken in seinem Gesicht eine eigene Geschichte, was es einem ganz unmöglich macht diese Figur nicht zu lieben. Ich rede nicht unbedingt von dem Schauspieler, sondern von der Figur, die er verkörpert und zwar in diesem Film. Ich bin so fasziniert von ihr, dass ich am liebsten jedes Bild, jede Millisekunde in mich aufsaugen würde.

Dazu kommt dieser grandiose Soundtrack, der die wortkargen Momente perfekt unterstreicht und einem die Kinnlade runterklappen lässt. Ich empfehle jedem diesen Film mit guten Kopfhörern anzuhören, ihr werdet es sicher nicht bereuen.

Das erste Mal sah ich „Drive“ im Kino. Eine Freundin von mir, die von dem Schauspieler der Hauptrolle sehr angetan war, überredete mich mitzugehen. Ich kannte weder Trailer, noch Plot oder Sonstiges. Ich versprach mir nicht viel davon. Doch schon die ersten Szenen und das einsetzen der Musik, es war von Anfang an einfach himmlisch. Natürlich bin ich kein erfahrener Kritiker, wenn es um die Einschätzung schauspielerischer Leistung geht, doch was Ryan Gosling hier ohne große Worte vollbracht hat, hat mich selbst nach dem dritten Schauen dieses Filmes noch sprachlos gemacht. Allein die Aufzugszene gegen Ende ist so unfassbar gut gedreht, dass man die Gedanken der Figur quasi im eigenen Kopf hören kann. Gehe ich zu weit, wenn ich sage, dass das definitiv eine der romantischsten Szenen ist, die ich je gesehen habe?

Doch natürlich darf man bei einem grandiosen Film nicht nur die Schauspieler loben (die meiner Meinung nach alle wirklich gut besetzt waren), sondern ebenso die Regie und das ganze Team. Jede Szene ist in sich perfekt. Jedes Bild ist perfekt. Jeder Kamerawinkel ist perfekt. Ebenso das Skript. Die Sätze sind an manchen Stellen so bedeutungsschwanger, dass man sie erst wirklich nach dem zweiten oder dritten Mal sehen/hören versteht und wirklich verinnerlicht und auf den Film beziehen kann. Genauso, wie die Tatsache, dass die Hauptfigur in dem Film keinen Namen trägt. Im Abspann nennt man ihn nur „Driver“. Das ist mir beim ersten Mal gar nicht aufgefallen (hat mir auch niemand gesagt, niemand in meinem Freundeskreis kannte den Film), erst als ich den Abspann sah und das Internet es mir dann bestätigte musste ich es einsehen. Beim nächsten Mal merkte ich es dann ganz deutlich, wie geschickt man seinen Namen aus dem Spiel ließ.

Die Hauptfigur selbst zu beschreiben ist schwierig, denn das Meiste muss man wirklich zwischen den Zeilen lesen und sich selbst denken und wer weiß schon ob das stimmt? Vielleicht denkt sich da jeder Zuschauer selbst seinen Teil dazu. Wir erfahren eigentlich so schrecklich wenig von ihm, dass es kaum möglich ist eine treffende Charakterisierung vorzunehmen. Wir erfahren nichts über seine Kindheit, seine Familie, seine möglichen Freunde oder Exfreundinnen. Keine Erinnerungen, keine Vergangenheit, nur das Hier und Jetzt. Meiner Meinung nach ist er durch seine Fehlerlosigkeit, die es ihm ermöglicht zum schier unbesiegbaren Superhelden zu werden, gleichzeitig so geradezu unmenschlich, dass es ihn in gewisser Weise zu einem Soziophaten macht. Aber im selben Atemzug muss ich auch sagen, dass er ein so reines Herz hat, dass es schon weh tut. So eine Opferbereitschaft, eine stille Leidenschaft. Eine gewisse Unschuld und doch so skrupellos und entmenscht. Ja, das ist er meiner Meinung nach: entmenscht. Die unschuldige und uneigennützige Liebe zu einer anderen Person trifft ihn, wie ein Blutstropfen auf die glatte Oberfläche stillen Wassers trifft. Es ist unbeschreiblich.

Und nach diesem viel zu langem und eigentlich unnötigem Eintrag habe ich nun keine Ausrede mehr nicht schlafen zu gehen. Die Leidenschaft mit der ich über einen Film oder ein Buch oder sogar ein Bild sprechen kann versteht niemand, darum dränge ich meine Meinung auch niemandem auf, ich kürze sie auf ein paar Adjektive. Doch nachdem ich diesen Film schon wieder gesehen habe und ihn sicherlich auch noch sehr oft in meinem Leben sehen werde, musste ich meine unerklärliche und unerwiderte Liebe zum Ausdruck bringen. Man sollte den Film übrigens unbedingt in der englischen Originalvertonung anschauen! Bis zu diesem Absatz haben es sicher nicht viele geschafft, was ich keinem verübeln kann. Es war, wie gesagt, ein sehr spontaner Eintrag. Fun Fact: Bis auf den ersten und den letzten Absatz fängt jeder mit dem Buchstaben „D“ an. So, nun muss ich schlafen, es führt kein Weg dran vorbei.

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